Das Kind und sein Wesen ist der Versuch, Fröbels Grundgedanken in ihrer inneren Logik darzustellen und die Konsequenzen seiner Erziehungslehre für die früheste Kindheit sichtbar zu machen. Marenholtz Bülow fasst diese Konsequenzen in Sätzen zusammen, die bis heute zu den klarsten Formulierungen der Fröbelschen Frühpädagogik gehören: - dass das Kind als 'Kind des Menschen', 'Kind der Natur' und 'Kind Gottes' dreifach bestimmt ist; - dass Erziehung mit dem ersten Atemzug beginne; - dass die früheste Erziehung die wichtigste sei; - dass körperliche und seelische Entwicklung untrennbar verbunden sind; - dass die Natur selbst - in Antrieben und Bewegungen des Kindes - die Form der ersten Erziehung vorgibt; - dass das Spiel die ursprüngliche Form kindlicher Selbsttätigkeit ist; - und dass alle spätere Bildung auf frühen sinnlichen Erfahrungen fußt, die nicht dem Zufall überlassen werden dürfen. Fröbels Spiele und Übungen sind aus dieser Sicht kein Beiwerk, sondern naturgemäßes Fundament frühkindlicher Entwicklung. Sie ordnen die instinktive Tätigkeit der Sinne und Glieder, führen zur Selbsttätigkeit und bereiten jene hervorbringende Kraft vor, die Fröbel als Wesen des Menschen verstand. Marenholtz Bülow zeigt, dass diese ersten Übungen auch für die Ausbildung der Mütter und Kinderpflegerinnen entscheidend sind: Sie bilden den Ausgangspunkt jeder späteren pädagogischen Arbeit. In einem späteren Rückblick formulierte sie ihre Beweggründe mit großer Klarheit: Zwar habe sich der Kindergarten weit verbreitet, doch das Verständnis der Fröbelschen Grundgedanken sei nicht im gleichen Maße gewachsen. Die äußere Ausbreitung habe zu einer Veräußerlichung geführt, die den Kern der Sache verdecke. Gerade deshalb, so schreibt sie, bedürften Fröbels Gedanken wiederholter Darlegungen. Dieses Buch ist eine solche Darlegung. Es macht den inneren Zusammenhang von Fröbels Pädagogik sichtbar: die Einheit von Körper und Seele, von Spiel, Lernen und Arbeit, von Natur und Geist, von Selbsttätigkeit und sittlicher Entwicklung. Es ist zugleich ein Plädoyer dafür, die früheste Kindheit nicht als Vorstufe, sondern als Ursprung menschlicher Bildung ernst zu nehmen.
Bertha Maria Freifrau von Marenholtz Bülow (1810-1893) gehört zu den prägenden Gestalten der frühen Kindergartenbewegung. In einem bildungsnahen, geistig offenen Umfeld aufgewachsen, fand sie früh Zugang zu Literatur, Musik und den intellektuellen Strömungen ihrer Zeit. Persönliche Erfahrungen - Mutterschaft, der frühe Tod ihres Sohnes, die Trennung von ihrem Ehemann - führten sie zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Fragen der Erziehung und der menschlichen Entwicklung. Über Bettina von Arnim und Adolph Diesterweg kam sie in Kontakt mit Debatten über Volksbildung. 1849 begegnete sie in Bad Liebenstein Friedrich Fröbel - der Beginn eines lebenslangen Engagements. Marenholtz Bülow erkannte in Fröbels Denken nicht nur eine pädagogische Neuerung, sondern eine umfassende Theorie kindlicher Entwicklung, die sie mit großer Energie, organisatorischem Geschick und publizistischer Kraft verbreitete. Sie wurde zu einer der wichtigsten Vermittlerinnen der Fröbelschen Pädagogik. Ihre Vorträge, Schriften und persönlichen Kontakte öffneten Fröbels Ansatz für gesellschaftliche Kreise, die zuvor kaum Berührung mit Reformideen hatten. Zugleich war sie maßgeblich an der internationalen Verbreitung des Kindergartens beteiligt: in Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden unterstützte oder initiierte sie Gründungen und vernetzte philanthropische Kreise, Regierungen und Bildungsinitiativen. Eine besondere Rolle spielte sie im Zusammenhang mit dem preußischen Kindergartenverbot von 1851. Gegen die Behauptung, Fröbels Pädagogik sei 'sozialistisch' oder 'atheistisch', setzte sie publizistische Aufklärung, politische Vermittlung und praktische Gegenbeispiele. Ihre nationale und internationale Vernetzung trug wesentlich dazu bei, dass das Verbot 1860 aufgehoben wurde. Ihre Wirkungsgeschichte ist jedoch auch ambivalent: Internationaler Anerkennung stand mancher Vorbehalt in Deutschland gegenüber. Diese Spannung verweist auf die Stärke ihrer Persönlichkeit, zugleich aber auch auf die Notwendigkeit sorgfältiger Quellenkritik im Umgang mit Fröbels Leben und Werk.
Matthias Brodbeck, geboren 1958 in Eisenach, begann bereits während seines Lehramtsstudiums, sich intensiv mit der Pädagogik Friedrich Fröbels auseinanderzusetzen. 1985 trat er als Fachlehrer in den Schuldienst ein. 1991 promovierte er im Bereich der Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Ein Jahr später gehörte er zu den Mitbegründern des Neuen Thüringer Fröbelvereins e.V., dessen Vorsitzender er über viele Jahre war. Mehr als zwei Jahrzehnte war er als Lehrerfortbildner in Thüringen tätig. 2006 initiierte er das Fröbeldiplom der Fröbelakademie Deutschland e.V. Seine Expertise zur Pädagogik Fröbels und deren produktiver Umsetzung in frühkindlicher Bildung und Schule machten ihn zu einem anerkannten Fachmann im In- und Ausland. Matthias Brodbeck ist Mitglied der International Froebel Society und engagiert sich in mehreren Fröbelvereinen und -arbeitskreisen.
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