Im vorliegenden Buch wird in einer kritischen Lektüre der Schriften Giorgio Agambens ein blinder Fleck in dessen Theorie aufgedeckt: sein einseitiger Blick auf die juridisch-rechtliche Struktur des Banns und des homo sacer machen seine Arbeiten blind für die verschiedenen möglichen Zielsetzungen und unterschiedlichen Umsetzungen von Biopolitik. Zum Verständnis der Biopolitik des Nationalsozialismus ist es aber gerade nötig, deren weltanschaulichen Prämissen zu verstehen. Diese Prämissen sollten im nationalsozialistischen Deutschland als neues Ethos über erzieherische Maßnahmen der Bevölkerung vermittelt werden. Die Aufgabe dieses Ethos war dabei vor allem, die Menschen auch ohne Befehle gemäß der NS-Biopolitik handelten zu lassen. Hier kam, neben dem politischen Mythos, vor allem auch einer Mythobiologie, d.h. eine Verbindung von Biologie und Mythos, eine zentrale Rolle bei den erzieherischen Maßnahmen zu. Ohne ein Verständnis der Bedeutung, die diese Mythobiologie und das neue Ethos für die nationalsozialistische Biopolitik hatte, muss deren Analyse, und damit auch eine Analyse des Holocausts, unzulänglich bleiben.
Andreas Kraft studierte an der Universität Konstanz deutsche, englische und amerikanische Literatur. Dort promovierte er mit einer Arbeit zur deutsch-jüdischen Autorin Nelly Sachs. Er war als Doktorand / Postdoktorand Mitglied des DFG-Sonderforschungsbereich 511 Norm und Symbol (Universität Konstanz) und forschte in einem Projekt über generationale Identitäten in der deutschen Literatur nach 1945. Von 2010 bis 2014 war er als Postdoc an der Martin Buber Society of Fellows (MBSF) in Jerusalem.
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