In dieser Studie betrachtet Barbara Kraus-Nohr die beiden im 10. Jahrhundert in althochdeutscher Sprache niedergeschriebenen heidnischen Zaubersprüche und das auf derselben Pergamentseite eingetragene lateinische Gebet aus einer in der Forschung bislang noch nicht eingenommenen Perspektive. Die Autorin vermutet, dass die bisher als getrennte Einheiten wahrgenommenen Texte auf fol.84r ein minutiös durchkomponiertes Ganzes bilden: Das insgesamt 18-zeilige Werk scheint als auf Zahlenverhältnissen basierendes carmen figuratum angelegt, das in Struktur und Gestaltungstechniken mit Kunstwerken der visuellen Poesie aus Spätantike und frühem Mittelalter vergleichbar ist. In ihrer an den septem artes liberales orientierten Analyse der Anordnung von Textzeilen, Buchstaben, Silben und Worten sowie der im gesamten Textfeld sichtbaren Zeichen legt die Autorin bisher unentdeckte Strukturen offen. In den 18 Zeilen tritt ein auf pythagoreischer und boethianischer Zahlenlehre und Musiktheorie beruhendes Gefüge zutage, in welchem althochdeutsche und lateinische versus intexti lesbar werden. Darüber hinaus lassen sich zahlenkompositorische Muster und harmonische Proportionen nachweisen, die auch in anderen Werken frühmittelalterlicher Literatur und Kunst verarbeitet sind. Ferner können aus dem Textmaterial auf fol.84r Notationsweisen des 9./10. Jahrhunderts, geometrische Figuren und Runenformen erschlossen werden. Als zentrale Inhalte dieses komplexen Sprachkunstwerks erscheinen - auf allen kompositorischen Ebenen - Musik und germanische Mythologie. 90 Abbildungen, Graphiken, Tabellen und Notationsbeispiele illustrieren diese Analyse.
Barbara Kraus-Nohr, geb. 1967, Konzertorganistin und Fachbuchautorin in Hamburg. Seit 1992 Solistin bei internationalen Orgelkonzertreihen und Festivals an modernen und historischen Orgeln; Rundfunkproduktionen und CD-Einspielungen an modernen und historischen Instrumenten. Seit 1999 publiziert Barbara Kraus-Nohr in den Bereichen Musikwissenschaft und Instrumentalmethodik. Neben Editionen von Vokal- und Instrumentalmusik aus Komponistenhandschriften des 18. Jahrhunderts veröffentlichte sie eine Dokumentation zum französischen Orgelbau. Ihre mittlerweile zu Standardwerken avancierten orgeldidaktischen Bücher mit innovativen Ansätzen zur Vernetzung von Gehör, Gedächtnis und Motorik sind seit 2004 in mehreren Auflagen erschienen, ab 2026 als überarbeitete Neuedition im Verlag Breitkopf & Härtel. Ihre künstlerische Ausbildung hat Barbara Kraus-Nohr an verschiedenen Musikhochschulen absolviert: Orgel- und Kirchenmusikstudium in Bayreuth und Würzburg bei Günther Kaunzinger, Gerhard Weinberger (Orgel) und Zsolt Gárdonyi (Musiktheorie), A-Diplom 1990. Hauptfachstudium im Fach Klavier bei Margarita Höhenrieder und Erich Appel in Würzburg, künstlerisches Diplom 1992. Ein Jahresstipendium des DAAD ermöglichte das Orgelstudium am Conservatoire National d.R. Boulogne-Billancourt/Paris bei André Isoir, Diplôme de Fin d' Études mit Certificat mention très bien 1993.
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