Ein fast hundertjähriger Mann lässt sich an ein abgelegenes Kloster fahren, ein Betagtenheim für sehr reiche Leute, seine letzte Adresse. Auf dem Schoss trägt er einen Koffer voll Geld. Ich muss es jemandem bringen, sagt er, der es ganz dringend braucht. Wem, weiss er nicht mehr. Heinrich war Investmentbanker, ein Leben lang im Aufstieg, im Bann des Erfolgs, erzogen von einem Vater, der nahm, was er wollte, und dem der Sohn dabei zusah. Er hat nichts gegeben und sich nichts gestattet: keine Familie, nie sich gehen lassen.
Im Heim wird ihm dieses Leben abgenommen, Stück für Stück. Das Gedächtnis schwindet, die Ordnung der Welt fällt auseinander, die Toten wollen nicht tot sein. Zwei halten dagegen: ein hungriges, wildes Kind, das er in seinen Mantel wickelt und das ihn auf einfache Weise glücklich macht; und Helena, die ein letztes Mal ans Meer will, dorthin, wo er als Kind war. Er schickt sie fort.
Pluton ist die Geschichte eines Mannes, der ein Leben lang genommen hat und am Ende geben will und es nicht mehr kann. Es erzählt, wie eine Ordnung zerfällt, die einer für die Wirklichkeit gehalten hat, und was darin, ganz zuletzt, an Heiterkeit übrigbleibt. Man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen.
Sebastian Schinnerl wurde am 26. Januar 1960 in Hohenems, Vorarlberg geboren und ist ein schweiz-österreichischer Schriftsteller. Er studierte Ingenieurwesen an der Hochschule St. Gallen. Bekannt wurde er durch Werke wie Pluton (1995), In hellen Nächten (1997) oder Der Teufel ist ein Whistleblower (2022), in denen er häufig gesellschaftliche, politische und ökologische Themen verarbeitet. Sein Werk ist geprägt von Ironie, schwarzem Humor und einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart.
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