Schlagworte: Das Wohltemperierte Klavier (I), Johann Sebastian Bach, Musik und Religion, Klavierspielen im 18. Jahrhundert, Musikpädagogische Vermittlung
Warum hat Bach das Wohltemperierte Klavier (I) com-poniert? Warum hat er zwischen 1720 und 1722 48 Entwürfe instrumentalen Spielens in Form von 24 Präludien und 24 Fugen zu einer Sammlung durch alle Dur- und Molltonarten zusammengestellt? In der Regel werden, sich auf Bachs »zum Nutzen und Gebrauch der Lehr-begierigen Musicalischen Jugend« im Autograph von 1722 stützend, pädagogische Gründe angeführt. Gleichzeitig unterstellt man Bach vom Titel her ein Interesse an der sog. temperierten Stimmung, das mit dieser Sammlung in praktischer Weise einzulösen gewesen sei. Doch auch wenn man beide zum Ziel einer umfassenden Spielfähigkeit zusammenbindet, bleibt der Verdacht, man schließe voreilig von Wirkung und Folge des Entworfenen auf Grund und Anlass. Denn die entscheidenden Fragen bleiben: woher sollte Bach sein Interesse an einer temperierten Stimmung bezogen haben; und warum sollte er dieses ausgerechnet in Präludium-und-Fuge-Paaren realisiert haben? Auf diese Frage versucht das Buch eine Antwort: Bachs Interesse und die Art der Befriedigung desselben resultieren aus der im Rahmen des Klavierbüchleins für Wilhelm Friedemann entwickelten Idee, ein textloses Spielen (vor allem junger Lernender) mit einer selbstverständlichen und dem Spielen gleichsam innewohnenden Glaubensemanation zu verbinden: Dem Wohltemperierten Klavier (I) liegt die Idee zugrunde, ein Gesamtes des Glaubens, wie es die 24 Artikel von Luthers Katechismus darstellen, mit einem Gesamten der Musik zu verbinden, wie dieses die 24 möglichen Dur- und Moll-Tonarten durch »alle Tone und Semitonia« repräsentieren. Solchen Zusammenhang will das vorliegende Buch praktisch aufzeigen. Die 24 extemporalen Kapitel wollen den heute diese Entwürfe Bachs Realisierenden ihr Spielen ein Stück weit einsichtiger machen, indem sie jene »Hintergründe« eröffnen, die Bach bei der »Com-position« geleitet haben könnten. Dazu wird auch eine wohl ursprünglichere und zyklische Folge der Tonarten vorgeschlagen.
Der Autor, Dietmar Ströbel, geboren 1940 in Nordböhmen, aufgewachsen in Prag und (nach 1946) in Franken, studierte u. a. Musikwissenschaft in München und Freiburg und wurde 1970 mit einer Arbeit zu Leos Janacek an der Universität Freiburg durch H.H.Eggebrecht zum Dr. phil. promoviert. Seit 1972 in der Musiklehrerausbildung engagiert, war er von 1982 bis 2004 als Professor für Musikpädagogik an der Hochschule Vechta tätig. Seit 1999 hat der Autor zahlreiche Arbeiten aus dem Bereich der Musik, der Musikgeschichte und Musikpädagogik vorgelegt, mit denen er allen ernsthaft Musikinteressierten und insbesondere Musikpädagogen einen etwas anderen Blick auf das eröffnen will, womit sie umgehen. Ihr Ziel ist es, das Interesse an Musik zu einem Interesse am Menschen als musikalischen zu verändern, Musik als eine spezifisch menschliche Tätigkeit anzusehen und in ihrer prinzipiellen Geschichtlichkeit zu begreifen. Auch der vorliegende Versuch über Bachs Wohltemperiertes Klavier (I) gehört dem Arbeitsbereich der Entwicklung (instrumentalen) Spielens innerhalb der Epoche der Frühen Neuzeit an. Der Autor lebt in Osnabrück.
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